[Istanbul Diaries II] Ultras gegen E-Tickets

In der Türkei protestieren Fußballfans gegen die Kommerzialisierung ihres Sports und die Überwachung in den Stadien.

fbklein7Die Sonne scheint, die Istiklal-Straße ist voll mit Bullen, am Ende knallt´s. Ein normaler Wochenausklang in Istanbul. Heute waren es Supporter aller möglicher Fußballmanschaften, die sich in Galatasaray versammelt haben, um ihren Unmut über den neuerlichen Angriff von Kapital und Staat auf ihren Sport auf die Straße zu tragen. Einige hundert sind gekommen, die Symbole nahezu aller rivalisierenden Teams der ersten Liga sind auf der Demo zu sehen. Galatasaray, Besiktas, Fenerbahce, Trabzonspor – während der Gezi-Proteste letztes Jahr haben sie gelernt, die Konflikte zwischen ihren Clubs zurückzustellen, wenn es gegen den gemeinsamen Feind geht: Die Regierung Tayyip Erdogans, den Bullenapparat oder im jüngsten Fall die Türkische Fussballföderation und die Investmentbank Aktif.

Die hat sich nämlich ein hervorragendes neues Geschäftsfeld erschlossen. Wenn man sich zukünftig ein Spiel ansehen möchte, muss man sich einen fbklein2Pass („Passolig“) zulegen, mittels dessen man sich „E-Tickets“ kaufen kann. Für die großen Teams wird die Ausstellung dieser ID-Card 25 Lira kosten, für die kleineren 15. Auf diesem Weg müssen Fußballfans alle ihre Daten abgeben, um Karten zu erwerben, zusätzlich werden in den Stadien Kameras mit Gesichtserkennung eingebaut, die überwachen soll, dass auch jeder Fan an seinem ihm Platz ist und sich keine unerwünschten Personen einschleichen. Es ist offenkundig, dass durch dieses System Stadionverbote und die Kriminalisierung der Ultra-Bewegung wesentlich leichter durchzusetzen sein werden, als das bislang der Fall ist.

fbklein3Hinzu kommt, dass die ganze Geschichte sich stark nach einer Kapitalbeschaffungsaktion für eine Investmentbank aus dem Umfeld des Hauses Erdogan anhört. Den Zuschlag auf den „Passolig“ hat sich die Aktif Bank gesichert, ein Geldhaus mit gerade einmal acht Filialen in der Türkei, dass aber als Investmentgesellschaft für die große Calik Holding fungiert. Diese wiederum hat ein Naheverhältnis zur Clique des türkischen Premierministers Tayyip Erdogan – soviel nur für diejenigen, die sich wundern, warum gerade eine so kleine und wenig auf „Kundengeschäft“ orientierte Bank diesen Job bekommt. Ab dem kommenden Jahr kann die Aktif Bank mit einem Schlag 8 Millionen Neukunden ihr eigen nennen, alles durch die Segnungen des E-Tickets. Und weil sie ja nicht so viele Filialen hat, werden ihr die Postämter zur Abwicklung dieses Geschäfts zur Verfügung gestellt.

Die Ultras kritisieren nicht allein die mit dieser Neuerung verbundene Zunahme von Überwachung und Repression in den Stadien, sowie die fbkleinoffenkundigen finanziellen Interessen dahinter. Hinzu kommt, dass von nun an auch nur noch Spiele der „eigenen“ Mannschaft angesehen werden können. Man muss bei der Anmeldung der ID-Card ein Team angeben, das man unterstützt, für „Fremdspiele“, an denen die eigene Mannschaft nicht beteiligt ist, kann man keine Tickets mehr erwerben.

fbklein6Das alles macht die Mädels und Jungs, die heute hier in der Istiklal protestieren, verständlicherweise sauer. Demonstrieren dürfen sie natürlich nicht gen Taksim, deshalb sind Konflikte vorhersehbar. Das Team Blue fährt Wasserwerfer, Riot-Cops und die für Hools und Ultras zuständigen Spezialcops auf. Es gibt Pyrotechnik, gute Stimmung, Böller und für zwei Sekunden Abkühlung aus dem Wasserwerfer. Interessant ist, dass neben den üblichen an Bullen und Staat gerichteten Beschimpfungen politische Parolen gängig sind. „Das ist vor allem seit Gezi-Zeiten so“, erklärt mir ein Genosse. Die wunderschöne Parole „kurtuluş yok tek başına ya hep beraber ya hiçbirimiz“ („Vereinzelt gibt es keine Befreiung, entweder wir alle oder keiner”) und die üblichen Taksim-Slogans hört man, und natürlich den Tränengas-Song aus den Zeiten der Gezi-Räumung. Die Szene ist politisiert.
IMG_0253 Nach einigen kleineren Auseinandersetzungen lösen die Cops die nette Demo auf, etwa fünf bis zehn Personen werden festgenommen. Ihnen drohen Stadienverbot und Anzeigen.

– Von Peter Schaber

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Ein Gedanke zu „[Istanbul Diaries II] Ultras gegen E-Tickets“

  1. Der Kernsatz, den ich bis dato in keiner Berichterstattung zum Thema ‚Passolig‘ las, ist:
    „Man muss bei der Anmeldung der ID-Card ein Team angeben, das man unterstützt, für “Fremdspiele”, an denen die eigene Mannschaft nicht beteiligt ist, kann man keine Tickets mehr erwerben.“
    Wenn das wahr ist, dürfte das – mehr oder weniger – das Ende für die Süperlig bedeuten.

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