Johels Bruder

Irgendwo in Honduras sitzen wir, in einer hässlichen Stadt, die nur existiert, weil sich hier zwei Nationalstraßen kreuzen. Wir sitzen draußen vor dem Haus auf einer provisorischen Holzbank, kiffen und hören Gangsterrap. Es ist keinesfalls kalt, nur ein bisschen Wind weht. „Das erinnert mich immer an die Züge“, sagt Johels Bruder. Wir sprechen Spanisch, auch wenn er immer wieder ein paar Sätze Englisch einwirft. „Das Lied erinnert mich an die Züge.“ „Welche Züge?“, frage ich. „Hast du noch nie von den Zügen gehört, im Fernsehen? Die nach Norden fahren? Ab Mexico fahren sie.“

„Warst du in den Zügen?“ „Auf den Zügen fährt man, es sind Güterzüge. Sie sind langsam und wenn man noch nicht weiß, wolang man fahren muss, braucht man lange um das Land zu durchqueren. Ich habe mehr als einen Monat gebraucht dafür. Und es ist gefährlich. Wenn man schläft, kann man runterfallen und dann stirbt man direkt. Aber man muss nichts bezahlen und die Polizei lässt einen in Ruhe. Sie sind immer voll, die Dächer der Züge, alle fahren da mit.“

Es ist einer der Momente, in denen man mit einer Person Zeit verbringt, die man doch kaum kennt, und sich fragt, wie das möglich ist. Wie das möglich ist, wie verrückt es ist, dass man genau jetzt genau hier zusammen sitzt und raucht und redet. Ich frage und frage, wie das war, warum er gegangen ist, wie alt er war und wie das alles passiert ist, wo er war.

„Das erste Mal war ich noch ganz klein, so richtig klein war ich noch. Und die Polizei ist hier ins Haus gekommen und hat mich zusammengeschlagen, weil jemand etwas geklaut hat. Da haben sie gedacht, das wäre ich gewesen. Und sie wollten wieder zurück kommen. Da habe ich mir mein Fahrrad genommen, ich hatte ein kleines Fahrrad, ich war ja noch klein, zwölf war ich. Und ich bin weggefahren, habe mein Fahrrad verkauft und mit dem Geld bin ich bis zur Grenze von Guatemala gekommen. Von da an musste ich laufen, ich bin immerzu gelaufen, den ganzen Tag. Bis es Nacht wurde, und geschlafen habe ich, wo ich eben war, auf der Straße. Und in Mexiko bin ich auf den Zug gestiegen und mitgefahren.“

Ich frage nach der Grenze und wie man in den Staaten anfängt. Die Geschichte ist faszinierend und mir wird erst jetzt klar, so wie er es erzählt, wie viele Latinos das wirklich sind, die täglich versuchen über die Grenze zu kommen. „Wir wollten nach Texas, wir sind bei Nacht durch die Wüste gelaufen. Dann war da
plötzlich Polizei, alle mussten rennen, in verschiedene Richtungen. Ich bin gerannt und gerannt und habe mich unter einem Baum zusammengerollt. Sie haben mich nicht gefunden, alle anderen haben sie gekriegt. Um bis zu einer Stadt zu kommen, musste ich eine Woche laufen, wohin genau ich musste, wusste ich ja auch nicht. Und dann war ich da. Zuerst muss man sich eine Arbeit suchen, eine Arbeit ist das wichtigste. Zuerst habe ich in einem Restaurant die Tische sauber gemacht, dann bei McDonalds, dann etwas ausliefern… Das wechselt immer ganz schnell, aber jedes Mal verdient man ein bisschen mehr. Und ich bin auch zur Highschool gegangen, aber 2009 wurde ich geschnappt auf der Straße und abgeschoben, nach 7 Jahren dort, denn ich hatte ja keine Papiere. Da war ich wieder hier und hier ist nichts. Aber meine Familie war froh, dass ich wieder da war. Sie wussten ja nicht, wo ich war. Und sie haben mir gefehlt, sehr gefehlt.“

Mir tut die Familie Leid, speziell die unglaublich süße Mutter. Wenn ein Zwölfjähriger von einem Tag auf den anderen verschwindet, unvorstellbar, was die
Zurückbleibenden durchmachen. „Aber ich bin ganz bald wieder los, weil ich mich hier gelangweilt habe. Aber das zweite Mal haben sie mich viel schneller geschnappt, nach einem halben Jahr schon. Ich war im Bus mit meiner Freundin und haben mich mitgenommen. Aber sie war Amerikanerin, ihr ist nichts passiert. Diesmal war ich nur zwei Tage zu Hause, dann bin ich sofort wieder hoch. Das geht immer schneller, das Mal habe ich nur zwölf Tage gebraucht. Aber an der Grenze waren die ‚Coyotes‘, die kontrollieren den Fluss. Jeder, der über die Grenze will, muss bezahlen. Wenn man ohne Geld in die Nähe vom Fluss kommt, wird man zusammengeschlagen oder vergewaltigt oder umgebracht. Und wenn jemand versucht, trotzdem drüber zu gehen, wird er getötet. Da bin ich durch Mexiko zurück und geblieben an einem Ort. Die Polizei hat mich aber festgenommen, weil sie die Messer aus meiner Wohnung geholt haben und mich für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. Aber ich mag es dort, die Stadt. Jetzt bleibe ich immer eine Weile dort und dann komme ich wieder heim zu meiner Familie.“

Ich erfahre mehr über die Zustände in amerikanischen und mexikanischen Gefängnissen und über Mara, Banden und die Polizei hier. „Und du, was hast du mal schlimmes gemacht? Warst du schon mal im Gefängnis?“ Nein, mein Leben war dagegen sehr einfach und unbeschwert…

– von Remota

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