„all kinds of guerilla activities…“

Ken Loach, der extrem feine Filme über Arbeitskämpfe und die irische Befreiungsbewegung gemacht hat, war in Berlin. Wir haben uns angehört, was er zur Notwendigkeit einer neuen Linken gesagt hat.

Wer „The Wind That Shakes The Barley“, „Land and Freedom“ und „Bread and Roses“ nicht kennt, kann sich gleich ein Bier aus dem Kühlschrank holen, Popcorn in die Mikro werfen und weiterklicken zu movie4k. Alle anderen wissen, warum Ken Loach großartig ist, deshalb müssen wir´s auch nicht extra nochmal erklären. Was wir vielleicht erklären müssen, weil´s einige nicht wissen, ist, dass Ken Loach Trotzkist ist. Das wiederum hat er mit den meisten Mädels und Jungs von NAO, der „Neuen Antikapitalistischen Organisation“, gemeinsam, die ihn zusammen mit der Antifa-Prügelkombo ARAB und dem Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall ins Haus der Demokratie und Menschenrechte eingeladen haben.

NAO und Ken Loach zählen allerdings, das muss man der Gerechtigkeit halber betonen, zu jener weniger nervigen – aber auch seltenen – Unterart der Trotzkisten, die kluge Sachen sagen und die dich nicht permanent nerven, dass du ihre selbstgebastelten Schildchen halten oder ihre Zeitung kaufen sollst oder bei ihnen eintreten musst, weil du sonst weniger cool bist als der spitzbärtige Bolschewik, der 1940 bei einem Jonglierunfall mit Eispickeln verstarb oder von Stalin ermordet wurde – da gehen die Historikermeinungen auseinander.

Jedenfalls hat NAO sich gedacht: Schau mal, so viele verschiedene radikale Linke, das muss ja nicht sein, sammeln wir die alle ein und machen gemeinsam was. Diese Intention teilt wiederum Ken Loach, der auch der Ansicht ist, dass die Spaltung der radikalen Linken überwunden werden will, soll irgendwann das Ding gewuppt werden. Außerdem kann man sonst nicht miteinander Fußball spielen: „Als ich in meinen späten Zwanzigern war, war ich im Umfeld einer Organisation namens Socialist Labour League, eine trotzkistische Organisation. Ein guter Freund von mir namens Paul Foot war in einer anderen Organisation, die nannte sich International Socialism. Eine andere trotzkistische Organisation. Wir lebten in derselben Nachbarschaft und da gab es einen Park. Wir hatten beide kleine Kinder, trafen uns im Park und die Kinder spielten Fußball. Und dann, es war ein Freitag, bekam ich einen Anruf. Es war der Generalsekretär der Socialist Labour League. Er sagte: Was bekomme ich zu hören? Deine Kinder spielen Fußball mit dem Feind? Ich war jung und sagte: Tut mir leid. Und wir hörten auf Fußball zu spielen. Es war fast dreißig Jahre später, da saß ich auf einem Podium mit Paul Foot. Und wir waren uns in allen Fragen einig. Das ist der Schaden, den Sektierertum anrichten kann.“

Seit geraumer Zeit, so Loach, hat die Arbeiterklasse keine Organisation mehr. Bei ihm in Großbritannien seien es vor allem die Wahl der im Herzen wie optisch abgefahren hässlichen Kröte Margaret Thatcher und die Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks 1984/85, die historische Einschnitte markieren, an denen´s so richtig beschissen bergab ging – und das auch vor allem deshalb, weil die Gewerkschaftsbürokraten und Sozialdemokraten genau ihren historischen Auftrag erfüllt haben: „Sie führten die Bewegung zum Scheitern.“ Mit ihrem langweiligen Oh-jetzt-müssen-mer-verhandeln-Gedöns, ihrer prüden Schrebergartenpolitik und ihrer legalistischen Angsthasigkeit sind die Gewerkschaftsbosse heute immer noch genau das, was sie damals schon waren: Die effektivste Waffe im Kampf der Herrschenden, wenn´s darum geht, die Arbeiter vom Kämpfen abzuhalten. Wer das nicht glaubt, werfe google an, und schreibe „Michael Sommer“ in die Suchmaske.

Loach ist sympathischer. Als ihn ein Journalist fragt, was man denn machen soll, wenn gar nichts mehr hilft, weil sich ja gerade in Griechenland zeige, dass auch nach mehr als zwei dutzend Generalstreiks die Situation für die normalen Menschen gleich schlecht geblieben ist, antwortet er: „Wir können Wege finden, das System zu sprengen, ganz ohne Generalstreiks. Es gibt viele Arten von Guerilla-Aktivitäten…“

Das gefällt uns klarerweise besser als das sozialpartnerschaftliche Gelaber vom Verhandeln und vom friedlichen Protest. Aber noch etwas anderes hat uns gut gefallen. Auch in der Frage der Europäischen Union findet Loach klare Worte. Ein belgischer Journalist fragt: „Ist die EU Teil der Lösung oder Teil des Problems?“ Loach: „Teil des Problems. Sie ist eine neoliberale Institution.“

Alles in allem eine runde Sache, die Veranstaltung. Ob wir jetzt der Revolution näher sind, bezweifeln wir zwar noch, aber wenigstens waren nette Leute da und die haben auch noch einigermaßen vernünftige Dinge gesagt. Besser als Berlinale, wo Loach derzeit irgendeinen lumpigen Bären überreicht bekommt, damit sich die Koksnasen aus dem Kulturbetrieb wieder selbst versichern können, dass sie ja auch irgendwie links sind, war´s allemal.

– Von Peter Schaber-Nack

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