Kneipengespräche (I): Nach den Sternen greifen

Wer mit offenen Augen durch die Straßen von Wien geht, dem ist es vielleicht schon aufgefallen. Seit Monaten stehen in einigen Bezirken der österreichischen Hauptstadt auffallend viele abgegraste Mercedes herum. Dicke Autos, rücksichtslos ihres auf der Kühlerhaube prangenden Sterns beraubt. Herzlos abgerissen von – ja von wem eigentlich? Wer macht denn so was? Und warum?

Nach langwierigen und kostenintensiven Recherchen im Wiener Alkoholikermilieu – finanziert mit einem Journalismusstipendium der Springer-Akademie, danke an dieser Stelle nochmal – ist es uns gelungen über Bekannte von Freunden von Bekannten Kontakt mit einem von ihnen herzustellen. Marty (Name von der Red. geändert) ist ein gar nicht mehr so junger Mann, der nachts nicht gern alleine nach Hause geht, sondern viel lieber in Begleitung eines oder mehrerer Statussymbole. Marty wollte zunächst nicht mit uns sprechen – immerhin handelt es sich bei dem was er tut um vorsätzliche und wiederholte Sachbeschädigung. Nach ein paar Bier hat er´s dann doch gemacht.

Sterne2

Zu Beginn die naheliegende Frage: Why?

Warum ich Mercedessterne abreiße? Also ich könnte dir jetzt eine pseudointellektuelle Erklärung über symbolische Akte des Widerstands und politischen Aktivismus geben. Ich mach´s einfacher: es macht Spaß und fühlt sich irgendwie richtig an.

Dass es sich für dich „richtig anfühlt“ heißt aber doch, dass du das Ganze irgendwie politisch einordnest…

Ja, klar. Mercedes-Benz ist halt eines der international bekanntesten Symbole für Reichtum, Protzigkeit und Bonzentum. Jedem ist klar, was man damit ausdrücken will, wenn man einen Stern pflückt. Ähnlich wie jeder weiß warum bei Demos gerne mal McDonalds-Filialen entglast werden. Das steht halt dann symbolisch für den Kampf gegen internationale Konzerne, die unser aller Leben versauen.

Das Entglasen der Filiale eines internationalen Konzerns ist zumindest ein Verbrechen ohne konkrete Opfer. Ein Auto zu beschädigen bedeutet aber, jemandem zu schaden, der mutmaßlich überhaupt nichts für den Zustand der Welt kann…

Das stimmt, das ist natürlich eine Gratwanderung. Es hat in der radikalen Öko-Linken immer wieder Ansätze zu generellen „Anti-Auto“-Aktionen gegeben. Da wurden dann Autos aller Größen und Klassen kaputt gemacht und das hat in den meisten Fällen wohl – nicht gerade bonzige – Arbeiter und Angestellte getroffen. Mit der Beschränkung auf Mercedes treffe ich hier eine bewusste Auswahl.

In Mitteleuropa bedeutet einen Mercedes zu fahren aber auch nicht automatisch reich und bonzig zu sein.

Aber die Wahrscheinlichkeit ist größer. Und ehrlich gesagt finde ich: wenn man sich schon so ein Statussymbol wie einen Mercedes zulegt, dann muss man auch mit Problemen rechnen.

In Zusammenhang mit geklauten Mercedes-Sternen denkt man am ehesten an Teenie-Punks, die sich die Dinger gern mal um den Hals hängen. Wenn ich mir dir Bemerkung erlauben darf: deine Teenie-Jahre sind schon eine Weile vorbei.

Ja, da hast du allerdings recht. Ich hab das natürlich auch als Jugendlicher zum ersten Mal gemacht. In der Zeit, wo man auch Baustellenschilder und so Zeug mit nach Hause bringt. Irgendwann viele Jahre später bin ich dann mal betrunken heimgegangen und bei einem Mercedes vorbeikommen. Und nachdem ich die Idee mal hatte, konnte ich nicht dran vorbeigehen, ich musste das Ding pflücken.

Und seither ist es zu einem regelmäßigen Sport geworden?

Kann man so sagen.

Hast du auch schon mal nüchtern einen Benz gerupft?

Ich würde sagen, bei der überwiegenden Mehrzahl der Vorkommnisse war ich nicht ganz nüchtern. Aber jetzt auch nicht jedes Mal stockbesoffen. Also es ist schon eine mehr oder weniger bewusste Handlung. Ich würde mal so sagen: es ist so eine Sache, wenn man da am nächsten Tag aufwacht und sich erinnert, dass man letzte Nacht mal wieder geerntet hat, dann fühlt man nicht diese Reue wie bei anderen besoffenen Dingen, die man manchmal tut. Wie gesagt: es fühlt sich irgendwie richtig an.

– Interview: Karl Schmal

sternchen

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.